ars-et-saliva
 

david p. eiser

zeitraffer
 


 

nächtlicher aufenthalt
 
 

es regnete, mit schnee vermischt, als ich ankam. - regentropfen und dicke flocken
klatschten gegen
das schmutzige fenster und schmierten vom fahrtwind getrieben
schräg nach unten über die scheibe.

es war dunkel geworden. die lichter der stadt wurden sichtbar, verschwommen und
trübe hinter den
windbewegten schleiern aus regen und schnee.

als der zug seine fahrt verlangsamte, über weichen ratterte und die schienenstösse
deutlicher hörbar
wurden, stand ich auf und zog meinen mantel an. den hut drückte
ich mir tiefer in die stirn als gewöhn
lich, schlug den mantelkragen hoch, ergriff mei-
ne reisetasche und verliess das warme abteil. erst jetzt
bemerkte ich, dass die übri-
gen gar nicht besetzt waren.

auf dem gang war ich allein. es zog, und der typische plattformgeruch umfing mich
an der wagentür:
desinfektionsmittel, eisen, abkühlender dampf und ein rest abge-
standenen tabakqualms. auf dem
wagenboden lagen zigarettenkippen und asche.

dazu ein ohrenbetäubender lärm: das kreischen der bremsen, das klappern und
schlagen der eisen
teile im verbindungsgang und obendrein ein gellender pfiff von
der lokomotive.

als ich die waggontür öffnete, schlug mir nasskalter schneeregen ins gesicht. eine
weisse dampfwolke
stieg unter dem trittbrett hervor, hüllte mich für einen kurzen
augenblick in weichen nebel und gab mir
ein kleines gefühl von wärme, bis der
wind diesen spuk zur seite trieb.

mich fröstelte. ich zog die schultern hoch, lief einige schritte über den bahnsteig
und blickte mich um.
hinter mir keuchte stampfend und zischend wie ein vor an-
strengung zitterndes grosses tier der zug,
triefnass mit seinen trüben fenstern
und dem fahlen licht in den abteilen. der schaffner schritt an den
wagen entlang,
schrie "einsteigen!" und schlug mit aller wucht die türen zu.

dann ein pfiff, ein stampfen und rollen, zischen und quietschen, und der zug
setzte sich langsam in
bewegung. ich wusste nicht mehr, ob überhaupt jemand
eingestiegen war, und war überhaupt ausser
mir irgendjemand ausgestiegen?

die roten schlussleuchten verschwammen bald im nassen dunst dieses abends.
auf den schienen
glitzerten die paar lichter, die dieser erbärmliche bahnhof zu
bieten hatte und markierten den weg, auf
dem der zug entschwunden war.

*

ich fühlte mich unbehaglich. ich war angekommen, aber es war niemand hier, um
mich abzuholen.
niemand trat auf mich zu und fragte, ob man mir helfen könne.

das bahnhofsgebäude lag vor mir im halbdunkel, schmutzig-grau, ohne jede fas-
zination, und es fiel
mir nicht schwer, auf dem bahnsteig entlang zu gehen, drum-
herum, ausserhalb des blaukalten neon
röhrenlichtes, ohne die kaugummi-auto-
maten eines blickes zu würdigen, verzichtend auf den anblick
der verblassten
fahrpläne an den grün-braunen wänden, ohne die nassen trittspuren auf dem
grauen
betonboden zu vermehren und den kalten geruch nach billigen zigarren,
abgestandenem bier und
einschläferndem wartesaalmief einzuatmen.

ich war am zaun entlang gegangen, der den bahnsteig begleitete, ein alter, zer-
beulter, zerrissener
maschendrahtzaun. längst lag der bahnsteig weit hinter mir,
schon stolperte ich über schotter und
unrat, noch immer auf der suche nach
einem durchgang, einem weg in die stadt. dunkelheit hatte
mich umfangen, und
nur von ferne hörte ich dumpfes brausen, sah das blasse licht im dunst unter

den wolken, wo die stadt liegen musste, aber ich schien mich immer mehr von
ihr zu entfernen.

ich wechselte die reisetasche in die andere hand, weil mir die finger nass und
klamm geworden
waren. meine brille war benetzt von wassertropfen; das letzte
bisschen licht, reflexe nur, erschien
mir schlierig und unklar, und als ich stol-
perte und der länge nach hinfiel, stiegen unruhe und angst
in mir auf. mein
rechtes knie tat mir weh, ich konnte mich nur mühsam aufrichten, die tasche
hatte
ich verloren. mir war plötzlich sehr kalt, und ich spürte ein zittern in mei-
nem körper.

erst als der schmerz nachliess, suchte ich vorsichtig nach der tasche, und so-
wie ich sie fand, zog
ich sie hoch, tastete nach dem zaun und drehte mich um,
weg von dieser stelle, zurück; hier gab es
keinen weg für mich.

die ersten schritte musste ich humpeln, es schmerzte zu stark. die nasse hose
klebte an meinen
beinen und zog und zerrte über das knie. von der hutkrempe
lief der regen herab, troff auf die
schultern, und der mantel wurde von minute
zu minute schwerer. der wind trieb mir - nasskalt -
regen und schnee ins gesicht,
jeder einzelne schritt schien mir erst die entscheidung abzuver
langen, immer
aufs neue, endlos.

mit der schwachen hoffnung, bald wieder im licht zu sein, den bahnhof zu se-
hen, den weg in die
stadt zu finden, war ich umgekehrt. wie unendlich lang
wurde dieser weg, wie mühsam, voller
bangen und hoffen und nahm doch
kein ende. -

*

der bahnsteig lag im dunkel, verlassen und tot. die lichter im bahnhofsgebäu-
de waren längst ver
loschen. finsternis, wohin ich trat. und still war es geworden.

nässe, kälte und schmerzen waren in mir, hatten sich ausgebreitet bis in den
letzten winkel meines
körpers. und nur ein anflug von innerer taubheit machte
mich zeitweilig das zittern und frieren in
mir vergessen.

unter dem vorspringenden dach des güterschuppens stiess ich auf eine trans-
portkarre mit hölzerner
ladefläche. sie war nahezu trocken. ich schob meine
tasche darauf und liess mich rücklings dane
benfallen, rollte mich zusammen
und hielt nur das rechte bein vorsichtig ausgestreckt.

als ich zur ruhe kam, fühlte ich auf einmal die tränen. erst war da nur dieser
tückische druck in den
augen und dann plötzlich die erkenntnis, dass es kein
ausweichen mehr gibt, und dann rannen sie
mir heiss aus den augenwinkeln,
traten unter den lidern hervor und vermischten sich mit der kalten
nässe auf
meinem gesicht.

es schüttelte mich, und stossweise brach das weinen aus mir heraus. meine
nassen hände wusste
ich nicht unterzubringen, nichts war warm und tröstend,
wo ich sie hätte hintun können, selbst das
holz des wagens fühlte sich auf ein-
mal klamm an, kalt, rauh und schmutzig, und der wind jagte einen
schwall
nässe über mich her, so dass ich mich noch tiefer in den winkel zwischen
schuppenwand
und tasche verkroch. - 


*

ein gewaltiges rauschen und zischen machte mich wach, löste für eine kurze
zeit meine erstarrung,
liess mich die ohren spitzen und die augen öffnen,
aber ich nahm nur ein blitzschnelles, geisterhaftes
vorbeigleiten von lichts-
chemen wahr, hörte nur ein nicht enden wollendes rollen und spürte, wie in

wechselnden wellen von druck und entlastung kälte, wind und regen über
mich hinwegzogen, die
wärme und geborgenheit meiner ecke auf der trans-
portkarre mit sich fortreissend in die unerreich
barkeit hinein, bis das schwir-
ren in den schienen verebbte. -

wieder wurde ich wach, als jemand hustete. kurz darauf griff jemand an mei-
nen mantelärmel, zog
daran und fragte, was ich hier zu suchen hätte. als ich
mich aufrichtete - mühsam, mir tat noch alles
weh von dem sturz in der nacht
und dem harten holz, auf dem ich lag - trat er einen schritt zurück,
dieser
bahnbeamte mit grosser mütze, tief herabhängendem schnauzbart, mit liv-
rierter jacke und
einem schrägen schultergurt, an dem eine lampe hing. sie
blendete mich, und ich hob meine rechte
hand vor die augen. dabei wich der
mann erneut einen schritt zurück.

ich wollte nicht, dass er angst vor mir hatte, aber was konnte ich in meinem
zustand tun; was
wusste er von dieser nacht, er, der gerade aus seinem
warmen bett gekommen war, sein frühstück
gehabt hatte mit heissem kaffee
und ein paar zügen aus seiner zigarre, dem rest von gestern abend.

der gedanke an diese dinge liess einen heisshunger in mir aufkommen.

ohne übergang fragte ich nach der abfahrtzeit des nächsten zuges. diese
frage schien in das welt
bild des beamten zu passen, er trat wieder einen
halben schritt näher und erklärte, dass der erste
zug des tages in ungefähr
zwei stunden ankomme; aber hier auf dem karren könne ich unmöglich

bleiben. -

der wind hatte nachgelassen, regen und schnee fielen nur noch vereinzelt.
ein dumpfes rollen
machte sich bemerkbar. der bahnbeamte war zur seite
an den schuppen getreten und hatte im
schwachen schein seiner lampe
das grosse tor aufgeschoben, war eingetreten und machte sich
nun im
schuppen zu schaffen.

währenddessen näherte sich ein zug. zuerst schimmerte es aus der ferne
unregelmässig, flackernd,
wurde dann deutlicher und liess endlich drei
bleiche stirnlampen erkennen. als die lokomotive nah
genug herangekom-
men war, sah ich auch die funken aus dem schornstein aufsteigen. ein
lautes
zischen, quietschende bremsen und ein kurzer pfiff signalisierten
eine fahrtunterbrechung.

inzwischen waren zwei schwache lampen aufgeflammt und tauchten ein
kurzes stück des bahn
steigs sowie die front des güterschuppens mit mei-
ner ecke in bleiches, feuchtes schimmern. der
bahnbeamte verliess den
schuppen. er zog eine karre hinter sich her, auf die er mehrere kisten

und packen gestapelt hatte. im vorbeigehen warf er einen kurzen blick
zu mir herüber.

ich lag noch immer ausgestreckt auf dem faserigen holz und schaute wie
gebannt auf die kleinen
vorgänge in meiner nähe.

der beamte öffnete einen güterwagen und lud gemächlich frachtstück für
frachtstück von seiner
karre in das dunkel des wagens hinein, bewegte
sich wie ein grauer schemen im unsicheren licht
des bahnsteigs, wie ein
automat, schweigsam, ohne pause. währenddessen stampfte und klickte

es von der lokomotive her. ungeduldiges fauchen und zischen liess erken-
nen, dass der aufenthalt
nicht lange dauern würde, und allmählich ver-
spürte ich eine unruhe in mir, die immer stärker
wurde und einem panik-
gefühl gleichkam, das mich urplötzlich vollständig zu beherrschen schien.

*

schon hatte der bahnbeamte den waggon verschlossen, seinen handkar-
ren gewendet, schon hatte
die lokomotive erneut einen kurzen, gellenden
pfiff ausgestossen und schnaubend und mit ohrenbe
täubendem zischen
ihre mechanik in gang gesetzt, als mir endlich klar wurde, dass dies mei-
ne letzte
chance war, hier wegzukommen.

ich griff nach meiner tasche und wollte im gleichen augenblick von der
transportkarre springen, aber
mein rechtes bein versagte mir die schnelle
bewegung. ich knickte ein und verlor kostbare zeit. der
zug rollte. ich sah
die wagen im milchigen dunst der schuppenlaternen vorbeigleiten, riss
meine
letzten kräfte zusammen und humpelte los, nur weg von hier.

ein leerer, niedriger wagen schob sich an mir vorbei. ich warf die tasche
hinauf und klammerte mich
an einer runge fest, strampelte so lange mit
den beinen, bis ich halt fand und mich hochziehen konnte.
 

ein paar augenblicke in diesen sekunden nahe der unendlichkeit glaubte
ich, das spiel verloren zu
haben. der zug wurde ständig schneller, der
nasse fahrtwind fegte und zauste an mir herum, und die
kraft in meinen
armen liess immer mehr nach. ich war verzweifelt und wollte doch nicht
aufgeben;
denn da war noch so etwas wie hoffnung in mir, ganz klein
und dünn nur, aber es gab mir wärme
und zuversicht wie ein winziges
licht aus der ferne gesehen, das sich allmählich ausbreitet und
strahlt
und leuchtet und die angst vertreibt und die verzweiflung und die not. -

*

und es machte mir nichts mehr, überhaupt nichts, dass ich auf dem nas-
sen, eisernen boden des
rungenwagens lag, zwischen den feuchten
tauen, den splitternden balken. ich hielt meine reisetasche
an mich ge-
drückt, spürte den wind über mein gesicht streichen, der ab und zu
noch eine schneeflocke
zu mir herabliess, und schaute den glühenden
funken nach, die im fahrtwind zerstoben und wie von
geisterhand ge-
lenkt im weiten dunkel der nacht verschwanden.

 

 
 
 

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© dpe
1984