ars-et-saliva
                                       

david p. eiser

zeitraffer




Egon K. trifftn weihnachtsmann

weil der weihnachtsmann seinen ohren allein nicht traute, klappte er seine au-
gendeckel auf. aber was er da sah und hörte, verschlug ihm echt die sprache
und hätte ihn glatt vom hocker gerissen, wenn er nicht schon auf der strasse
gelegen hätte.

Egon K., gelegenheitshausbesetzer und sponti, hockte neben ihm, vollbärtig,
pudelmütze auf, zwei-meter-siebzig-langer schal, viermal um den hals ge-
schlungen, und machte ihn an: "ej, alder, nu mach ma, dasse hochkomms.
hols dir ja nochn pips. was issn los, mann. komm, steh auf..." usw, und laber-
te ohne viel nachzudenken dem weihnachtsmann die ohren voll.
 
ächzend drehte dieser sich etwas nach links, stützte sich auf den unterarm,
hob den oberkörper und fasste sich mit der anderen hand an die birne.
"ououoouh!" entfuhr es ihm.
Egon K. rückte erst mal ein stück zur seite; ihm war das ganze nicht geheuer.
"was liechstn hier so rum und stöhns?"
"mann", fragte der weihnachtsmann," wo bin ichn hier?" "has wohln tiefpunkt,
wa? dreimal darfste raten", sagte Egon K. "hier is der eingang vom arbeitsamt.
biste blau gefallen, weilde keinen job gekriecht hast oder hamse dich umge-
rannt, ej?"

allmählich spürte der weihnachtsmann wieder power in den nerven, richtete sich
zum sitzen auf und suchte nach seinem rucksack, war aber mit dem ergebnis
seiner suche unzufrieden. jedenfalls murrte er was von "sauerei" und stänkerte
eine ganze weile mächtig vor sich hin, bevor er endlich in die hufe kam und dem
davoneilenden sponti nachhumpelte. dieser hatte ihn formlos zum aufheizen in
seine villa eingeladen: altbau, dritter stock, ausgelatschte holztreppe, putz brök-
kelt von den wänden, kacheln fehlen, die scheiben in den etagentüren ersatz-
weise mit postern verklebt, geruch nach feuchtem keller, dann lokus, dann mit-
tagessen, dann farbe, dann tabakqualm und zuletzt kaffee,mit einem hauch
von schmorendem knoblauch. kalt.

der sponti war einfach eingetreten und winkte dem weihnachtsmann kurz zu:
"komm rein, alder, wir sind da."
"wer isn das?"
"dusslige frage", dachte der weihnachtsmann bei sich.
"wo hastn den aufgegabelt...sieht ja echt niedlich aus..."

alles hockte auf einem teppich, der zum grössten teil nur noch aus kette be-
stand, aber die ruppigen, splitternden dielen ganz passabel kaschierte. eine
von den anwesenden ökotrinen raffte ihr gezottel etwas zusammen und lud
den weihnachtsmann mit einer lässig-liebevollen handbewegung ein, sich
bei ihr niederzulassen. zögernd kam er dieser aufforderung nach und ging
schwerfällig auf die kniee runter, seinen roten mantel vorsichtig um sich he-
rumdrapierend.

der typ, der ihn rangeschleppt hatte, sagte: "er lag vorm arbeitsamt. ich dachte
erst, er wär schon im jenseits, aber ..." "ich komme aus dem jenseits", warf der
weihnachtsmann dazwischen; die blonde tussi mit dem joint vor dem gesicht
kicherte vergnügt in sich hinein, und die ökotrine warf ihm einen aufmuntern-
den blick zu (früher kusshändchen; sie fand ihn nämlich voll stark und echt
cool), jedoch der sponti liess sich nicht beirren und fuhr fort: "aber dann wurde
er aufmal wieder, und dann hab ichn hierher mitgenommen."

"cool", meinte die ökotrine und legte ihren kopf schief, um den weihnachtsmann
besser beäugen zu können. "was haste denn beim arbeitsamt gemacht?"

"ich", sagte der weihnachtsmann, "überhaupt nichts. ich war auf dem weg zum
treffpunkt. aber mit der einstellung hats nicht richtig geklappt. eigentlich wollte
ich auf dem rathausplatz landen, aber dann", man konnte förmlich sehen, wie
peinlich es ihm war, "dann landete ich mitten im arbeitsamt, und alle erschraken
erst, als ich da plötzlich im flur stand, und dann fingen sie an zu lachen und zu
schreien: hurra, der weihnachtsmann ist da! -  und drängten sich um mich he-
rum und hielten die hände auf. - na ja, da konnte ich nicht anders; sie halfen
mir, den rucksack abzunehmen, und als ich jedem was süsses in die hand
drücken wollte, merkte ich, dass in dem sack nur papier war, lauter amtliche
zettel, und auf jedem stand drauf, wo es einen brauchbaren job gab. ich weiss
auch nicht, wieso. da hab ich in der verteilerzentrale wohl danebengegriffen,
jedenfalls rissen die mir alle die zettel aus der hand und schrieen und tobten
und johlten und pfiffen, und da war ein wahnsinnsbohei, und es kamen immer
mehr, und alles schob und zog und zerrte, und ich mittendrin, durch den gan-
zen langen flur, die treppe runter und nach draussen. - ja, und dann weiss
ich nichts mehr. dann bin ich auf dem pflaster wieder aufgewacht, und der
rucksack war weg."
 
"mann, du has wohl schief geträumt", meinte der typ in dem speckigen leder-
mantel. "heute is sonnabend, da hat das arbeitsamt doch überhaupt nich auf".  
"richtich", ergänzte Egon K. "un seit gestern kannze unmöglich da rumgele-
gen haben; die hätten dich längst abgekarrt. also, nu ma raus mitte sprache.
hasse was anner knolle oder wat bisse fürn typ?"

beim weihnachtsmann hatte sich mittlerweile ein unbehagliches feeling ein-
gestellt, und er wünschte sich, etwas weiter weg zu sein. er kramte in seinen
grauen zellen rum und suchte nach einer brauchbaren antwort, aber es woll-
te ihm nichts passendes einfallen. so stand er einfach auf und ging wortlos
aus dem raum.

die blonde tussi kicherte wieder in sich hinein, erhob sich und schwebte zum
fenster, gaffte hinaus, paffte und wartete. wartete aber minutenlang und sagte
dann: "der is bestimmt wieder die treppe runtergefallen, Egon, du mussma
nach ihm sehn." Egon K. stand ungläubig auf und fragte :"soll das etwa heis-
sen, dasser noch immer nich raus is?" "genau", kicherte die blonde, und Egon
stürzte ins treppenhaus, die anderen hinterher. aber es war niemand mehr zu
sehen.  

man kann nicht behaupten, dass nun ein hauch von weihnachten in der bude
hing oder dass den leutchen auf einmal ganz feierlich zumute wurde. nö, nö. 
Egon K. zog nase und schultern hoch und sagte :" ich glaub, ich spinne".

die ökotrine meinte :"der typ wa echt staak". der mit dem speckigen lederman-
tel verkniff bloss das gesicht; er war sowieso von natur aus total misstrauisch.
nur die blonde tussi war auf einmal ganz realo und sagte: "ihr könnt ja morgn
ma inne zeitung kuckn".

aber, komisch, am nächsten tag hat keiner mehr dran gedacht.


© dpe 1991



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