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anthropo-canine kommunikation


zur person:

Karl Egbert Klaefke, prof. dr. rer. nat., habilitationsthema: Phänomenologie der Anthropocaninen Kommunikation. jahrgang 1928, emeritierter professor, biologe. forschungsschwerpunkt: verbale und nonverbale kommunikationstechniken zwischen hund und mensch.
von 1972 bis 1994 wissenschaftlicher und geschäftsführender leiter des Institut für Bierologie und Hektoliteratur in Neu-Golm. seitdem in zusammenarbeit mit namhaften hundefuttermittelherstellern fokussierung u.a. auf zusammenhänge zwischen hundefutter und hündischen ausdrucksweisen.

das interview fand im august 2014 während einer bootsfahrt auf dem Scharmützelsee statt und wurde in Kot und Köter, heft 3, 2014 zuerst veröffentlicht.

dpe: herr professor Klaefke, was hat sie bewogen, sich auf dem gebiet der verbal-nonverbalen kommunikation zwischen hund und mensch zu spezialisieren?

k.: das ist schnell erklärt. als ich mir im alter von dreieinhalb jahren eine schwere eitrige mittelohrentzündung zugezogen hatte, blieb meine hörfähigkeit eine längere zeit nicht zufriedenstellend, so dass sich meine wahrnehmungen auf die übrigen sinnesorgane verlagerten. das betraf in erster linie den optischen weg, aber natürlich auch das geruchsempfinden. meine eltern waren damals darauf angewiesen, neben federvieh, einer ziege und zwei schafen auch noch ein paar katzen und zwei hunde durchzufüttern; die katzen wegen der mäuse, wie sie überall in den dörfern zu finden waren, und die hunde als wächter für haus und hof. so lernte ich schon von kindesbeinen an, mit allerlei haustieren in gemeinschaft zu leben und mich mit ihnen zu verständigen.

dpe: bei so einem vielfältigen reizangebot, warum sind sie ausgerechnet auf den hund als hauptforschungsobjekt gekommen?

k.: das war das ergebnis von versuch und erfahrung. ich hatte schnell festgestellt, dass federvieh kaum geeignet war, auf den menschen gerichtete kommunikative fähigkeiten zu entwickeln. hühner sind sehr egozentrisch und drängen sich durch gackerlaute sofort in den mittelpunkt, wenn sie mal ein ei gelegt haben. darüber hinaus gibt es für sie keine motivation, sich mit dem menschen zu beschäftigen. analog läuft es bei ziegen und schafen, die allerdings nicht mal egozentrische merkmale aufweisen, also eher dumpf und interesselos vor sich hinleben, abgesehen vom drang zum fressen, der aber völlig unkultiviert ist.
die katzen dagegen zeigten sich durchaus gelegentlich interessiert, bestimmten jedoch in allen fällen art und ausmass ihrer kommunikationsbedürfnisse selbst, ohne sich von mir auch nur im geringsten beeinflussen zu lassen. insofern fand ich die alte weisheit, dass hunde ein herrchen, katzen aber personal haben, schon früh bestätigt und widmete mich fortan den hunden.

dpe: was macht die sache für sie so interessant, dass sie bis ins hohe alter nicht aufhören zu forschen?

k.: was mich immer wieder fasziniert, ist die tatsache, dass es sich um eine art zweisprachiger full-duplex-kommunikation handelt: der mensch spricht den hund an, der hund reagiert oder agiert unmittelbar, zwar auch mit akustischen signalen, jedoch nonverbal. dieses phänomen steht im mittelpunkt meines interesses. die interaktionen zwischen mensch und hund lassen erkennen, dass hier eine verständigung möglich ist, obwohl beide partner eine unterschiedliche "sprache " benutzen.

dpe: von mensch zu mensch ist es schon schwierig, wenn beide partner verschiedene sprachen sprechen.

k: es ist in der tat nicht ganz unproblematisch; denn die fähigkeiten, die sprache des anderen zu deuten oder sogar zu verstehen, sind in etwa 92 % der fälle bei den anthropocaninen partnern nur schwach ausgeprägt. erst bei gegenseitigem interesse kann nach jahrelangem üben und trainieren eine funktionierende kommunikation aufgebaut werden, die dann aber auch von hoher zuverlässigkeit gekennzeichnet ist. zusätzlich entsteht, sozusagen nebenbei, eine enge bindung zwischen den beiden kommunikationsteilnehmern, die in einzelfällen - auch in nur vermeintlichen - bedrohungsszenarien zu überzogenen abwehrreaktionen des einen oder anderen partners führen kann.

dpe: sie haben sich in den vergangenen jahren speziell mit den unterschiedlichen ausdrucksweisen von hunden beschäftigt. besonders interessant ist wohl ihr artikel im letzten heft des Journal of Irresistible Results mit dem titel The Simultaneousness of Facial Expression and Faeces Expression.

k.: ohja, da haben wir die ergebnisse eines aufschlussreichen zweieinhalbjährigen projekts zusammengetragen. wir hatten 324 erwachsene (also 2 jahre und älter) hunde und hündinnen für eine umfangreiche untersuchung zur verfügung und konnten mehr als vierhundert merkmale pro tier bezüglich ihres wesens, ihrer intellektuellen und körperlichen leistungsfähigkeit und ihrer vorlieben und abneigungen erfassen und statistisch verarbeiten. das war bis dato das weltweit bestuntersuchte hundekollektiv.

dpe: solche projekte werden wohl kaum aus steuermitteln finanziert?

k: das ist leider richtig. und es wäre gescheitert, wenn nicht einige futtermittelhersteller als sponsoren zur verfügung gestanden hätten. für die haben wir sozusagen nebenbei die beeinflussung der kommunikation der tiere durch unterschiedliche futtermaterialien erforscht.

dpe: haben sie für diese untersuchungen auch harte daten wie grösse, gewicht, alter, geschlecht oder auch tierklinische laboruntersuchungen verwendet, oder haben sie sich auf eher psychologisch relevante merkmale beschränkt?

k.: in unserem merkmalskatalog finden sie ca 30 prozent harte daten. der rest sind ergebnisse aus standardisierten tests und eine fülle von einzelergebnissen aus beobachtungsreihen. die harten daten schliessen auch die futtermittel ein, also menge, konsistenz (trocken-, feuchtfutter), technische zubereitung, darreichung, fütterfrequenz… sowie die ausfuhrkontrollen von urin und kot.

dpe: in ihrem artikel findet sich eine fülle lateinischer bezeichnungen. aber das ist wohl in der wissenschaft so üblich?

k: bezüglich der nomenklatur haben wir uns nach der Historia Naturalis Cactuum von Jussieu Minor gerichtet, einem standardwerk, das 1920 im verlag von Franz Ohme, Leipzig erschienen ist und sich primär der erforschung der humanen kakteen widmete.
wir haben allerdings nicht nur gewicht, farbe, konsistenz und geruch erfasst sondern auch per videodokumentation den pflanzakt festgehalten, dessen dauer, die unmittelbar vorausgehenden verhaltensweisen bis zur bereitschaft des tieres zum pflanzen des kaktus und den zeitraum zwischen futteraufnahme und beginn der pflanzung und so weiter.
anhand der videoanalyse wurde es möglich, die komplexität der pflanzaktionen zu erkennen. auch der vom tier bestimmte pflanzort, die körperhaltung und die mimik waren wesentliche teilaspekte unserer beobachtungen.
dabei haben wir festgestellt, dass altersunterschiede keine rolle spielten, ebensowenig wie z.b. die fellfarbe oder die abstammungsreihe. signifikante unterschiede in der körperhaltung gab es bei kleinen, langbeinigen hündinnen (der stockmass-median lag in unserem kollektiv bei 32,1 cm), die zu 22.3 % vergleichsweise schwebend, lediglich auf die vorderbeine gestützt ihre kakteen pflanzten. bei den grösseren tieren haben wir dies niemals beobachtet. das anschliessende wegscharren mit den hinterpfoten erfolgte nur auf erdigem oder bewachsenem boden, niemals auf pflaster oder asphalt und war demnach tier-unabhängig.  das nach der pflanzung gelegentlich zu beobachtende ziehen des hinterleibs über eine gewisse strecke grünland ist ein zeichen entweder für juckende beschwerden im analbereich oder dient der vorbeugung, um das entstehen der lästigen cactus abrupti bacaformes (lat., im volksmund auch klabusterbeeren genannt) rechtzeitig zu verhindern.

dpe: hundehalter und köter/töle beeinflussen sich ja gegenseitig…

k.: dem pflanzakt liegt nicht nur ein rein körperliches bedürfnis zugrunde. da der vorgang entweder durch initiative von herr- oder frauchen (angebot hunderunde) zustandekommt oder aber eine spontan wirkende eigeninitiative des tieres darstellt, haben wir es mit zwei verschiedenen, den ablauf bestimmenden variablen zu tun. im ersteren fall eröffnet herr-/frauchen die "runde", macht dem tier also mit seiner/ihrer ankündigung, das haus zu verlassen, hoffnung auf ein befreiendes erlebnis. dieses beabsichtigt der köter/die töle zu einer selbstdarstellung zu nutzen. er/sie funktioniert daher den zurückzulegenden weg als erstes zu einer laufstegähnlichen präsentation seiner/ihrer persönlichkeit um (es wird an der leine gezogen, es erfolgen ständig ruckartige richtungswechsel, intensive schnüffelorgien an baumstämmen, masten, mauerrecken usw…, bei kötern endlose markierungsvorgänge, bei tölen eher seltener).
das ganze wird unterbrochen von schnellen lauernden blicken auf herr-/frauchen, um aus dessen/deren mimik, lautäusserungen und körperhaltung rückschlüsse auf seine/ihre psychische verfassung zu ziehen. wir haben festgestellt, dass die tiere ein ausgeprägtes gefühl dafür entwickeln, zeitdruck zu erkennen. da sie sich aber zunächst nicht sicher sind, ob das gefühl nicht doch trügt, versuchen sie durch ständige wiederholungen ihrer verhaltensweisen herauszukriegen, ob herr-/frauchen zeit hat oder nicht.
im letzteren fall kann das pflanzbedürfnis regelrecht verschleppt werden und zwar so weit, dass im extremfall die entlastung als cactus necessarius (lat., sog. notkaktus) unmittelbar vor der haustür erfolgt. in einzelfällen kann sich diese pflanzung so schnell abspielen, dass das geschehen (besonders bei spätabendlichen hunderunden) für herr-/frauchen unbemerkt bleibt und sich erst am folgenden morgen als cactus ostiarius molestus (lat., lästiger türkaktus, im  volksmund auch nachtwächter genannt) entpuppt.


dpe: und die zweite variable…?

k.: der eigeninitiative des köters/der töle liegen völlig andere bedingungen zugrunde. hier finden sich keine negativ getönten abhängigkeiten von herr-/frauchen. das heisst, die mitnahme des köters/der töle auf einen spaziergang dient primär der erbauung des herr-/frauchens. es besteht nicht die absicht, das tier zum kakteenpflanzen mit nach draussen zu nehmen. dies erspürt der köter/die töle. herr-/frauchen ist entspannt und geniesst den spaziergang. er/sie ist bereit, dem tier ein gewisses ausmass an freizügigkeit zu gewähren; er/sie kann geduldig zuschauen, was es treibt; es werden auch begegnungen mit anderen tieren ermöglicht. kurzum, die lage ist weitgehend entspannt, und niemand drängt - bewusst oder unbewusst - auf erledigung einer bestimmten aufgabe.
so gerät diese kakteenpflanzung zu einer eher beiläufigen tat, die nicht wie im ersteren fall das ziel der runde darstellt sondern lediglich einen hinweis auf einwandfreie körperfunktionen gibt.

dpe: herr professor Klaefke, könnten sie ein paar prägnante ergebisse ihrer derzeitigen forschung kurz darstellen?

k.: kommen wir zum vergleich der ausdrucksweisen des hündischen gesichts. wenn man sich z.b. die beiden pflanzvorgänge auf zwei bildschirmen simultan anschaut, kann man leicht die unterschiede erkennen. im fall der hunderunde an gespannter leine hockt das tier angestrengt mit etwas zusammengekniffenen augen schauend (manchmal auch mit dem typischen "oh-wie-bist-du-gemein-blick") über der pfanzstelle und lässt alle zeichen eines bemühten vorgehens erkennen. der gesichtsausdruck wird beherrscht von enttäuschung über das entgegengebrachte unverständnis. die zuweilen mitleid erregende körperhaltung signalisiert eher hilfebedürftigkeit als freude über den zu erwartenden geschäftsabschluss.
lautäusserungen werden vermieden (dem köter/der töle hat es sozusagen die sprache verschlagen angesichts der ungehaltenen, kompromisslosen vorgehensweise des/der hundehalters/-halterin).

betrachten wir dagegen dasselbe tier zum zeitpunkt eines kakteenpflanzakts, wenn es anlässlich eines gemütlichen nachmittagsspaziergangs aus eigenem antrieb gleichsam beiläufig eine pflanzaktion durchzieht, so sehen wir gleich auf den ersten blick: die leine hängt schlaff herab und vermittelt dem köter/der töle das untrügliche gefühl, sich nach lust und laune verhalten zu können. das ist die basis für einen entspannten gesichtsausdruck, wobei ausserdem häufig durch leichtes zurückziehen der lefzen der eindruck von lächeln entsteht.
leichte schaukelbewegungen in den schultern und im halsbereich, begleitet von einem fröhlichen augenaufschlag zeugen von der kraft des selbstbewusstseins und befördern den pflanzakt ungemein. nicht selten kommen dann regelrechte pyramidale kakteen zustande, insbesondere bei den grösseren tieren, während die kleineren eher dazu neigen, fraktionierte schlangenkakteen zu produzieren, die sich durchaus über eine gewisse strecke hinziehen können, wenn das tier etwas vorrückt, in dem bemühen, herr-/frauchen nahezukommen und sich die nächsten streicheleinheiten abzuholen.

sehr unterschiedlich ist auch die beendigung der aktion. im ersteren fall bleibt die leine straff gespannt und zerrt am hals des tieres. die ungeduld von herr-/frauchen drückt dem gesamten vorgang etwas gewalttätiges auf, und der köter/die töle weiss nicht, wie er/sie sich dagegen zu wehr setzen könnte. also bleibt nichts anderes übrig, als dem zug der leine zu folgen, ohne blick zurück.
dadurch wird dem tier jedoch auch die erfahrung verwehrt, sich über grösse, form, geruch und farbe seines eigenen kaktus zu informieren. frustgefühle stellen sich ein, und lustloses hinterherzockeln und zerren an der leine sind die folge.

im anderen fall hat der köter/die töle die möglichkeit, sich abschliessend genüsslich umzudrehen und das getätigte geschäft in augenschein und insbesondere in nasenruch zu nehmen und sich in ruhe ein bild von den qualitäten seiner/ihrer hinterlassenschaft zu machen. zu guter letzt kommt es bei den meisten tieren zu einer eleganten drehbewegung, an deren ende mit den hinterpfoten erde oder gras v o r dem kaktus aufgewirbelt wird, um dem geschehen einen endpunkt zu setzen. geschickt vermeidet das tier die berührung des frisch gesetzten kaktusses mit den pfoten. abschliessend lässt sich in vielen fällen ein kurzes, aber fröhliches bellen vernehmen sowie ein anspringen des herr-/frauchens vor freude und in erwartung einer sozialen anteilnahme, auch dies mit leicht zurückgezogenen lefzen, was der hündischen mimik bisweilen einen hauch von herzlichkeit verleiht.

dpe: sie erwähnten auch, dass futtermittel einen einfluss auf hündische ausdrucksweisen haben…

k: die ergebnisse dieser untersuchungen sind ausgesprochen interessant. aber die hundefuttermittelhersteller haben sich die veröffentlichung vorbehalten.

dpe: gibt es schon ein nachfolgeprojekt? und was ist das thema?

k: in enger zusammarbeit mit der psychiatrischen universitätsklinik Hamburg und mit einer arbeitsgruppe des Deutschen Städtetages (unter dem motto: unsere stadt soll sauber werden) wird sich mein institut mit dem problem der kommunalen canigenen postdefäkationsbelastungsstörung (cPDBS) befassen.

dpe: herr professor klaefke, ich danke ihnen für das gespräch.


(aus heft 3 des "kot und köter"-magazins, dember 2014)


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