ars-et-saliva

 
 


david p. eiser

zeitraffer


das „paradies auf erden...“
wollen wir das wirklich?


wider das illusionäre versprechen von wohlstand, glück und freiheit für alle.

... jeder ist seines glückes schmied...

schmieden heisst: mit eigenen fähigkeiten etwas herstellen. auch das glück wird
hergestellt und –  wie seit alters her  –  von jedem menschen selbst. da glück als
summensignal lediglich ein gefühlszustand ist, kann seine „herstellung“ nur durch
wahrnehmungsleistung gelingen: introspektion = kontrollierte erforschung der
eigenen befindlichkeit.

„glück und paradies“ sind - ebenso wie jeder andere begriff – erfindungen, sprach-
schöpfungen des menschen. das besondere daran ist, dass es sich um das eine
ende eines doppelpols handelt, wogegen „unglück und hölle“ das andere ende
definieren. -
da  „glück und paradies“ mit willkommenen wohlgefühlen konnotiert werden,
„unglück und hölle“ dagegen mit abscheu und angst, verbindet der mensch die
eine vorstellung mit dem adjektiv „gut“ und die andere mit dem adjektiv „schlecht“.
das macht „glück und paradies“ zwar in den augen der meisten menschen erstre-
benswert, beseitigt aber nicht die polarisierung sondern verstärkt sie.

polaritätsprofile sind ein unverzichtbares austattungsmerkmal unserer psyche.
polarisierende begriffe benutzen wir für die orientierung
-    im raum: oben und unten, nah und fern...
-    in der zeit: gestern und morgen, bald und nie...
-    je nach sensor: heiss und kalt, hell und dunkel, laut und leise...
-    bei gefühlen klassifizieren wir nach angenehm und unangenehm, glücklich
     und traurig sein, lieben und hassen, begehren und verabscheuen...


die polarisierung ist ein zentraler, neuropsychischer funktionsablauf, ein auto-
matismus zur vereinfachung der wahrnehmung, zur leichteren orientierung, zur
schnelleren reaktionsfähigkeit. die ausbildung derartiger fähigkeiten war entwick-
lungsgeschichtlich notwendig, um gefahren abwehren zu können und für erfolg-
reiches überleben zu sorgen.

zudem vereinfacht reduzierung die welt der wahrnehmung; d.h. also alles, was
unsere sinnesorgane reizt, wird durch eine automatisierte zusammenfassung kom-
primiert, um aus der unübersehbaren fülle von details einfache begriffe zu machen.
es kristallisieren sich aus komplexen aller art:
-    gegenstände: aus stamm, ast, zweig, blatt wird „baum“,
-    prozesse: aus aufsteigende luftfeuchtigkeit, temperaturabsenkung,
      kristallisation, flockenbildung wird „es schneit“ und
-    vorstellungen: aus erinnerung, phantasie, neugier, ehrgeiz wird „utopie“,
für die es jeweils nur noch ein wort gibt.
anstatt die einzelteile zu benennen, aus denen sie sich zusammensetzen, wird
in windeseile ein begriff benutzt, der dem individuum in kürzestmöglicher zeit
orientierung vermittelt, auf die es auf seine weise reagieren kann.

viele begriffe wie „glück und paradies“ sind mit emotionalen konnotationen ver-
setzt und unterliegen deshalb einordnungskriterien. d.h. sie werden vom indivi-
duum bewertet nach der art und der gewichtung dieser „verpackung“. bei „glück
und paradies“ ist es einfach: mit diesen begriffen verbindet das individuum das
denkbar grösste ausmass an wohlbefinden und wohlergehen; mit „unglück
und hölle“ dagegen das genaue gegenteil.

da all diese begriffe - und ihre bedeutung für das jeweilige individuum - nur eine
grobe gemeinsamkeit mit denselben begriffen bei anderen individuen haben,
müssen wir davon ausgehen, dass jedes individuum seiner begriffswelt eine
andere – eben seine subjektive – gewichtung zumisst und dass auf diese weise
durchaus unterschiedliche bewertungen zustandekommen.
dies lässt sich im politischen wie auch im wirtschaftlichen, im religiösen, im ethisch-
moralischen und im zwischenmenschlichen bereich tagtäglich beobachten und
wird vom volksmund z.b. mit dem alten spruch „wat dem een sien uhl, is dem
annern sien nachtigall“ beschrieben.


am ende ergibt sich die erkenntnis, dass alles, womit wir begrifflich umgehen,
unser eigenes machwerk ist, von uns menschen „erfunden“, um unser leben zu
erleichtern, unsere wahrnehmung zu entlasten, unsere kommunikation zu be-
schleunigen und uns letztlich in die lage zu versetzen, uns sicher, geborgen,
satt und zufrieden zu fühlen.

da es weder einen nullpunkt auf den polaritätsskalen noch einen anfangs-  noch
endpunkt gibt, liegen sowohl das „paradies“ wie auch die „hölle“ bei jedem indi-
viduum in beliebigem abstand voneinander irgendwo auf der unendlichen skala.
und es gibt nicht „das“ paradies und „die“ hölle sondern es gibt ~7 milliarden
paradiese und ~7 milliarden höllen, immer in abhängigkeit von urteilsfähigkeit,
befindlichkeit, erinnerungsinhalten, ehrgeiz, neugier, herkunft, lebensraum... des
individuums.
sie entziehen sich dadurch der verortbarkeit und damit auch der erreichbar-
keit für die gesamtheit der menschen und bleiben immer nur eine ganz per-
sönliche, individuelle wahrnehmung und nichts anderes.


das heisst, es gibt kein „glück“ und kein „paradies“ – und auf der anderen seite
auch kein „unglück“ und keine „hölle“ – als irgendwo existierendes etwas, das
bereits vor dem menschen universumgegeben – viele werden sagen gottgege-
ben – vorhanden war und uns eigentlich zur verfügung steht, sich aber nur
öffnen lässt, wenn wir friedlich und lieb zueinander sind.

deshalb ist die utopie von „glück und paradies auf erden“, vom „wohlergehen
für alle“, eine völlig unbrauchbare illusion, weil erstens jeder selbst „sein glück
schmiedet“ und deshalb dahin strebt, wo er sein glück vermutet; und zweitens
weil es „ein paradies auf erden für alle“ nicht geben kann; denn wegen der
polaritätsskala definiert sich das eine ende nur durch die existenz des
anderen
. und dieses phänomen bleibt erhalten, solange es menschen gibt;
und deshalb wird es bei dem bleiben, was Bertolt Brecht schon treffend formu-
lierte: „die einen stehn im dunkeln und die andern stehn im licht...“. -
um eines zu haben, muss beides vorhanden sein.

versprechungen, die das gegenteil suggerieren, haben etwas demagogisches
an sich und führen in chaos und verwirrung. wenn alle glücklich sind, gibt
es kein glück mehr zu definieren
.

wenn das polaritätssystem eines tages zusammenbrechen sollte, und zwar
unter der herrschaft unkontrollierter oder gar unkontrollierbarer roboter, wird
der mensch nur noch als hilfloses, für die roboter nützliches wesen dahinvege-
tieren. dann gibt es keine glücksgefühle mehr.
deshalb halte ich es nicht nur für illusorisch sondern auch für gefährlich, das
„paradies auf erden für alle“ anzustreben.

es empfiehlt sich vielmehr, statt des starren blickes auf einen pol am ende der
skala, sich gelegentlich umzudrehen und sich wieder einer gedachten mitte
zuzuwenden, wo sich alle treffen können, diejenigen, die ursprünglich in rich-
tung „paradies“ und diejenigen, die ursprünglich in richtung „hölle“ gegangen
sind; denn was uns zueinander führt und gemeinsam zufriedenstellt, ist
nicht der traum von der erreichung der utopie am ende der polaritätsskala
und damit stillstand sondern einzig und allein die verständigung in der
mitte zwischen den extremen, wo die dynamik des gegenseitigen austau-
sches für lebensgestaltung sorgt
:
verständigung heisst: verstehen, was der andere sagt; und akzeptieren, dass
er seine meinung sagen darf; dann kann man versuchen, gemeinsamkeiten
zu entdecken, die allen behagen, und darauf aufbauend neue umgangsformen
entwickeln.


ausblick auf ein realitätsfeld:

das, was die US-amerikaner seit jahr und tag auf der basis ihrer naiven welt-
deutung unter die völker dieser erde zu bringen versuchen, kann nur gesche-
hen, weil sie sich einer denkrichtung hingegeben haben, die wir grob beschrei-
bend als kapitalismus bezeichnen und die so attraktiv dargestellt wird, dass
alle, die genügend gier und ehrgeiz in sich spüren, dieses denk- und handlungs-
prinzip adoptieren.

da das system inzwischen bereits kurzfristig horrende gewinne ermöglicht, die
nicht erst langwierig über eine oder sogar mehrere generationen per fleiss,
wissen, geduld und lernen erwirtschaftet werden müssen, fehlt es nicht nur an
nachhaltigkeit bei vielen entwicklungen, sondern der wert schöpferischer, pro-
duktiver arbeit sinkt ständig, und die attraktivität eines schnell abschöpfbaren
persönlichen gewinns wird immer grösser.


gleichzeitig wird propagiert, dass gewinnstreben ein menschenrecht ist, und da
jeder seines glückes schmied ist, sei es auch jedem erlaubt, sich soviel wie ihm
möglich ist, davon anzueignen. ob dies dem nachbarn nun gefällt oder nicht, ist
gesellschaftlich uninteressant, weil das tun-und-lassen solange zu tolerieren ist,
wie es nicht gegen staatliche gesetze verstösst.

wenn sich aber ein "-ismus" als gesellschaftlich akzeptierte utopie etabliert hat,
kann kein gesetz dagegen eingebracht werden, weil diesem verhaltensmodell
ja die idee der freien entfaltung der persönlichkeit zugrunde liegt.
deshalb scheitern alle versuche, den kapitalismus gesetzlich zu zähmen, solange
keine existenzbedrohende situation ein ordnungspolitisches eingreifen des staates
z.b. in form einer notverordnung erforderlich macht.
und sogar dann erheben sich zwar mächtige stimmen, um den spuk endlich zu
beenden, aber politische konsequenzen, um ein solches desaster grundsätzlich
in zukunft zu verhindern, lassen sich auch dann nicht durchsetzen, weil der sys-
temimmanente widerstand unüberwindbar erscheint.

denn nach beruhigung der lage und staatlichen wiederaufpäppelungsmassnah-
men wird auch weiterhin daran gebastelt, schnell zu generierende gewinne zu
ermöglichen. (siehe internet-blase anfang der nuller-jahre und finanzdebakel
2008, um nur die jüngsten ereignisse zu erwähnen). –
erschreckend auch, und deprimierend zugleich, z. b. die erkenntnis, dass nur
etwa 5 prozent der für griechenland bereitgestellten über 200 milliarden euro
in den aufbau moderner staatlicher strukturen geflossen sind.
die übrigen 95 prozent wurden verwendet, um dutzende banken zu „retten“.
d.h. mit unseren steuergeldern wurden bankpleiten verhindert anstatt einen
heruntergewirtschafteten staat zu stabilisieren und sich weiterentwickeln zu
lassen: kurzfrist-gewinne und langfrist-ignoranz.

die gier steckt letztlich in uns allen, und da wir, die gesellschaft, unsere politi-
ker steuern, besorgen diese, was sie von uns aufgetragen bekommen:
lust auf mehr
. und das nicht in fünf oder zehn jahren sondern sofort. auf eige-
ne rechnung wird kein politiker, ob minister oder kanzler, hingehen und tiefgrei-
fende ordnungspolitische veränderungen veranlassen.
er muss damit rechnen,
dass er sich in kürzester zeit sein eigenes politisches grab schaufelt.

die meisten schrecken, die uns überkommen, verursachen wir selbst. wenn wir
von dieser erkenntnis ausgehend versuchen, die eine oder andere katastrophen-
art in zukunft zu vermeiden, so bringt uns dies nicht notwendigerweise in para-
diesnähe, aber es freut uns, wieder ein problem gelöst zu haben.
dass an anderer stelle gleich ein neues auftaucht, ist historisch belegbar und
gehört offensichtlich zu den lebensbedingungen auf unserem planeten und zu
unserem menschsein.

wenn wir uns uns selbst überlassen und keine emotionsfreie - sprich gier- und
ehrgeizfreie - kontrollinstanz an die spitze unserer buchhaltung setzen, werden
wir auch in zukunft von finanzdebakel zu finanzdebakel und von kriegszustand
zu kriegszustand stolpern: wahrscheinlich in immer kürzer werdenden intervallen.
einzig und allein eine völlig emotionslose regulierung, ohne innere menschliche
beteiligung und interessen, eine lediglich der aufrechterhaltung von stabilität
und verlässlichkeit verpflichtete institution, wird solche wirtschaftlichen, finan-
ziellen und gesellschaftlichen bedrohungen von uns fernhalten können, leistbar,
auch heute schon, durch neuromorphe systeme künstlicher intelligenz.

aber welcher politiker wäre bereit, die macht über den staatshaushalt an
eine maschine zu übergeben?

womit sollte er dann vor der nächsten wahl seine wähler ködern, wenn
nicht durch geldwerte versprechungen...?

schliesslich sind doch inzwischen mehr als drei wählergenerationen auf
diese art und weise programmiert worden.

wer erwartet denn noch etwas anderes?



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160117

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