ars-et-saliva
 

david p. eiser
 
 zeitraffer


der schläger
 
 

ich war ganz in gedanken versunken; noch immer beschäftigte mich die morgendliche auseinander-
setzung wegen der lagerhaltung für den bereich verderbliche güter.

eher automatisch, roboterhaft bewegte ich mich jetzt durch die strassen, um nach hause zu gelangen. -
ich könnte nicht sagen, dass ich schnell ging, aber dafür, dass ich wie gedankenverloren meinen weg
gefunden hatte und bereits am museum vorbei war, musste ich doch wohl recht strammen schrittes

gelaufen sein, als mich plötzlich jemand am rechten arm berührte.

ein mann tauchte neben mir auf, nur wenig kleiner als ich, stämmig, rundliches, glatt rasiertes gesicht,
etwas bläulich schimmernder bartbereich, fast kahler schädel. er trug einen hellen trenchcoat, hielt die
rechte hand in der tasche und legte seine linke an meinen unterarm. er sah mich mit wachen,
interessierten, ja fast schon hungrigen augen an, durchmusterte neugierig mein gesicht und sagte
schliesslich, nachdem er zu einem befriedigenden entschluss gekommen schien: "sie sind doch

auch ein schläger!"

ich erstarrte, gab mir aber mühe, mein entsetzen zu verbergen. nun war es an mir, diesen menschen zu
mustern, dabei zeit zu gewinnen, um eine antwort zu suchen, ihn einzuordnen, die situation zu begreifen
bezüglich gefährlichkeit oder lächerlichkeit. ich hatte grosse mühe, ernsthaft weiter zu denken, wollte
mich
einfach abwenden und weitergehen, aber er hielt mich fest, nicht nur mit seiner hand, die ver
gleichsweise
locker auf meinem arm lag, nein, vielmehr waren es seine augen, die mich faszinierten, sein gesichtsausdruck,
der nichts gefährliches an sich hatte, seine gesamte erscheinung, die eher auf einen friedlichen menschen
hindeutete als auf einen strassenräuber oder erpresser.

kurz gesagt, er wirkte durch und durch seriös. und wenn er auch einen gespannten eindruck auf mich
machte, so doch nicht etwa als ausdruck irgendwelchen krankhaften geschehens sondern einfach in

der erwartung, jemanden überrascht zu haben und nun eine rückmeldung, irgendeine rückmeldung zu
bekommen.

"was bringt sie zu dieser vermutung?" fragte ich vorsichtig.

die spannung wich ein wenig aus seinem gesicht, der druck seiner hand auf meinen arm liess nach, in
seinen augen blitzte es kurz auf, und er fuhr fort: "ich habe sie neulich gesehen, im stadtpark. wissen
sie noch? als der junge mit dem rad um die hecke kam, beim denkmal..."

ich versuchte mich zu erinnern. es fiel mir schwer. es musste ein tag wie jeder andere gewesen sein,
ohne besonderheit für mich; aber ihn, ihn musste es wohl sehr beeindruckt haben, dachte ich, und
dann plötzlich fiel mir ein, was er wohl meinte.

"ich habe seitdem oft an sie gedacht", fuhr er fort. "ich bewundere sie. und je länger ich darüber
nachdenke, desto mehr komme ich zu der überzeugung, dass sie auch einer von uns sind".

wieder war es an mir, mein erstaunen zu beherrschen und zu überlegen, in welche richtung sich
dieses gespräch noch bewegen könnte. sollte ich mich nicht doch besser entziehen, mich höflich
entschuldigen und davoneilen? unschlüssig trat ich aufs andere bein. mein gegenüber schien dies

als fluchtbeginn zu deuten und verstärkte leicht seinen druck auf meinen arm, wirkte plötzlich dring-
licher, wandte ein: "gehen sie nicht! lassen sie uns in ruhe darüber sprechen..."

im stadtpark. neulich. an der hecke. langsam dämmerte mir, was er meinte. allmählich fing ich an zu
begreifen, worauf er hinauswollte. also doch erpressung, dachte ich.

"sie sind wirklich unwahrscheinlich schnell", warf er lächelnd ein, und sein bewundernder blick
streifte mich. ich wusste nicht recht, ob ich mich geschmeichelt fühlen oder das ganze als taktisches
geschwätz abtun sollte. - er hatte mich also erwischt bei einer angelegenheit, die mir kaum noch

bewusst war, ihm jedoch offensichtlich viel bedeutete.

neulich, das muss vor etwa zwei wochen gewesen sein. -
"haben sie mir hier etwa aufgelauert?" quetschte ich zwischen den zähnen hervor.

er zuckte zurück, liess meinen arm los, wirkte auf einmal betreten, fast schon beleidigt: "ich bitte sie.
ich sehe sie heute zum zweiten mal in meinem leben. reiner zufall. aber", und seine züge hellten sich
allmählich wieder auf, "ich freue mich, sie hier getroffen zu haben. wie gesagt, ich bewundere sie

und wollte sie einfach nur kennenlernen. - wie sie das mit dem jungen gemacht haben, das war so
fantastisch, das macht ihnen so schnell keiner nach."

sollte er wirklich nur lautere absichten haben, schoss es mir durch den kopf. was hat ihn denn bloss
dermassen beeindruckt, dass er mich fremden menschen einfach anspricht und mich fragt, ob ich ein
schläger sei?  -  und beim weitergrübeln meinte ich, dem kern seiner beweggründe ein stückchen
näherzukommmen.

äusserlich leicht beruhigt, ein nachdenkliches, dabei interessiertes gesicht machend stand ich hoch
aufgerichtet  vor ihm. angst hatte ich eigentlich nicht mehr. ein gewisses gefühl der unsicherheit war

noch in mir, aber ich glaubte, nun doch herr der situation zu sein. -
 

                                                                                            *

neulich im stadtpark. das wars also. wie ich auf das denkmal zugehe, schiesst plötzlich ein junge auf
seinem fahrrad rechts zwischen den hecken heraus, quer über meinen weg, um zwischen den
nächsten hecken zu verschwinden. dieser vorgang war noch gar nicht richtig bis in mein bewusstsein
vorgedrungen,  als derselbe junge erneut auftauchte, dieses mal von links und genau auf mich zuhielt.
abwehrend, reflexartig streckte ich beide arme aus, in denen er sich verfing, von seinem rad gerissen

wurde und mit mir einmal im kreise herumschleuderte. dabei verspürte ich eine jähe wut in mir hoch-
steigen, die ich schliesslich nicht mehr beherrschen konnte, und noch bevor der knabe, als ich ihn
losliess, in der hecke landete, hatte er sich zwei kräftige ohrfeigen eingefangen; dazu den wohlge-
meinten rat: "lass dir das eine lehre sein!"

wie jemand, der gerade erfolgreich gute arbeit geleistet hat, rieb ich mir kurz die hände, warf noch
einen schnellen blick auf den jungen, der ganz verdattert unter der hecke hockte, und setzte meinen
weg fort, sogleich wieder in gedanken an berufliche angelegenheiten. neulich im stadtpark. das wars.
genau das. -

aber was wollte der mann damit? gab das denn ein motiv für einen erpressungsversuch her? wegen
der zwei ohrfeigen? ich wurde wieder etwas unsicher. andererseits, was gab es daran zu bewundern?
schliesslich bin ich kein zwerg und in meiner freizeit hinreichend körperlich tätig...

es muss wohl ein stück zufriedenheit in meinem gesicht zu lesen gewesen sein; denn als ich mich an
die eben geschilderte szene erinnerte, strahlte der mann mich regelrecht an, berührte wieder meinen
arm und rief - fast schon zu laut für meine ohren - : "sehen sie, soetwas lässt sich nicht verleugnen!"
und als hätte er meine gedanken erraten, fuhr er fort: "ich wusste es gleich, ja ich wusste es,"
triumphierte er und hielt eine weile inne, nicht ohne mich weiterhin sorgsam zu beobachten. -

gespannt wartete ich nun auf eine erklärung. jetzt wollte ich wissen, was er im schilde führte. er hatte
mich neugierig gemacht mit seiner freundlichkeit, mit seiner beharrlichkeit und mit seiner bewun-
derung, die mir irgendwie schmeichelte, obwohl ich dem tathergang im stadtpark eigentlich keine
grossartigkeit  zusprechen konnte. aber wenn es denn für ihn ein erhebendes erlebnis gewesen sein

sollte, bitte schön. was aber nun?

er ergriff den kragenaufschlag seines trenchcoats und drehte ihn langsam herum, sodass ich ein
kleines silbernes abzeichen erkennen konnte. es zeigte, grob stilisiert, eine ausgestreckte hand.
"haben sie noch keins?" fragte er mich lauernd. ich schüttelte sprachlos den kopf.

"na gut," setzte er hinzu, "wir kommen auch so klar. ganz bestimmt." er nickte mir freundlich zu und
animierte mich zum weitergehen. dabei erklärte er mir, dass er schon fast drei jahre "dabei sei".

anfangs habe er sehr starke hemmungen gehabt, aber allmählich hätten sie sich gelegt, und jetzt
sei er ein freier mensch geworden. jede woche habe er ein bis zwei treffen mit einem gleichgesinnten
- es sei aber nicht immer derselbe, man verabrede sich telefonisch, je nach bedarf - und hinterher
fühle er sich immer richtig wohl und regelrecht befreit. die anderen würden dieses gefühl genauso
bestätigen, fügte er eifrig hinzu. und auch mir werde es sicher gefallen.

noch konnte ich mit seinen aussagen nicht viel anfangen. aber eines hatten seine anwesenheit und
seine beredsamkeit in mir bewirkt: ich hatte meine beruflichen querelen völlig vergessen. und
während wir langsam über die brücke gingen, in die neustadt hinüber, begriff ich allmählich, was
ihn so sehr an seiner freizeitbeschäftigung faszinierte und spürte ein wenig von dieser faszination
in mir selber, konnte mir vorstellen, zu einer verabredung zu gehen und mich von ihm in die
geheimnisse des schlagens einweihen zu lassen und selbst die hand zu erheben, um mich zu
befreien, abzuschalten und hinauszutreten aus dem täglichen einerlei von pflichten, routinen,
gesellschaftlichen gepflogenheiten und manieren, die mich wie eine glocke umgaben und mir die

luft nahmen, die ich eigentlich immer schon atmen wollte.
 
                                                                                             *

so kam es, dass ich bereits zwei tage später, voller unruhe und mit meinen gedanken schon lange
nicht mehr bei der arbeit, am späten nachmittag mein büro verliess - äusserlich wie immer - und
mich unversehens zu unserem ersten verabredeten treffpunkt begab.

perdunat heisst der mann übrigens, stefan perdunat. am ende unserer ersten begegnung hatten
wir uns einander vorgestellt. "die namen genügen," hatte er gesagt, "alles andere ist völlig un-
wichtig; vielleicht noch die telefonnummer. aber das eilt nicht..."

und da standen wir uns nun gegenüber, unter dem mächtigen brückenbogen. er begrüsste mich
strahlend, man merkte ihm die aufrichtige freude deutlich an, dabei war er jedoch in seiner haltung
und in seinen äusserungen distanziert und angenehm.

wir kamen sehr schnell zur sache. das heisst, er weihte mich in die "spielregeln" ein, erklärte mir
verhaltensweisen und übte mit mir die wichtigsten gesten, die es zu beherrschen gilt, um dem

partner zu signalisieren, ob man weitermachen, unterbrechen, aufhören oder sonstiges will;
denn der schlagabtausch geschieht in wortloser stille, die nur vom klatschen der schläge
unterbrochen wird. verbale äusserungen jeglicher art sind verpönt, solange die auseinander-
setzung nicht von einem oder beiden partnern für beendet erklärt wurde.

die vielfalt der regeln und gesten erschreckte mich zunächst. ich bekam es mit der angst zu tun,
im richtigen moment nicht das adäquate signal geben zu können, wichtiges zu verpassen oder
einfach verhaltensweisen, die er mir beigebracht hatte (im schnellverfahren sozusagen) zu
vergessen. zudem wusste ich immer noch nicht genau, was denn nun tatsächlich auf mich
zukommen würde. würde es wehtun? was wäre, wenn ich plötzlich vor schmerz aufschrie?
würde er mich verachten? oder würde er mich gar zusammenschlagen?

schliesslich sollte alles doch ohne aufsehen zu erregen ablaufen; insbesondere war publikum
nicht erwünscht. es sollte sich um eine private angelegenheit zwischen ihm und mir handeln,
aber mit dem handicap, sie in relativer öffentlichkeit zu erledigen.

und was sollte ich ihm tun? kaum war ich in der lage, mir vorzustellen, einen anderen menschen
einfach zu schlagen, richtig zu schlagen, nicht nur so zu tun als ob, ein wenig berühren, knuffen,
nein regelrecht schlagen, zwar unter einhaltung bestimmter regeln, aber doch kam es mir vor wie
eine art von gewaltanwendung. gewalt gegen einen menschen.

gewalt auch gegen mich. aber das berührte mich damals überhaupt nicht. was mich an dieser
sache interessierte, war das neue. es war wie beim spiel am roulettetisch. da war einfach nur
die innere spannung. es gab einen teil unberechenbares und einen teil berechenbares. nur war
hier das grössenverhältnis beider anteile zunächst unklar.

trotz, oder vielleicht auch wegen dieser unwägbarkeiten hatte mich eine art spielleidenschaft
gepackt. das unvorhersehbare hatte mich in seinen bann gezogen und mich bewogen, rationale
gedankengänge beiseitezuschieben und nur dem gefühl, dem augenblicklichen bedürfnis nach-

zugeben, ganz entgegen meinen sonstigen, insbesondere beruflichen gepflogenheiten. hier
bahnte sich eine art ausstieg an, ausstieg in etwas unbekanntes hinein, das mich anzog und
fesselte, gleichzeitig jedoch auch verunsicherte und ängstigte. aber genau diese mischung
widerstreitender empfindungen und vorstellungen, das gefühl, zu einem - inneren - kampf ange-
treten zu sein, um mit alten konventionen zu brechen, das wars, was mich in diese situation
hineingetrieben hatte und mich weiter vorwärtsschob.

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als perdunat seinen ersten schlag in meinem gesicht gelandet hatte, stand ich wie versteinert da,
etwas nach vorne gebeugt, ungläubig, enttäuscht, dann wütend über mich selbst. ich hatte es
nicht wahrhaben wollen, obwohl er mir alles vorher erklärt und ich ihm mein einverständnis
gegeben hatte. ich fühlte mich tief getroffen, verletzt, verwundet. wäre ich kind gewesen, ich
hätte laut aufgeheult, anklagend, mitleid heischend.

aber hier gab es feste regeln, an die sich beide partner zu halten hatten, und so biss ich die
zähne zusammen, liess meine arme hängen, fixierte perdunat mit den augen, als wollte ich ihn
an seinen platz bannen, konzentrierte mich ganz auf seinen gesichtsausdruck, um heraus-
zufinden, wie und wann er den nächsten schlag ausführen würde.

locker stand er vor mir. nur in seinem gesicht war eine gewisse anspannung zu erkennen. kein
funken von mitleid oder verständnis, kein bedauern, nur hohe aufmerksamkeit vor dem
nächsten schlag. und auch dieser traf mich genauso unvorbereitet und so schmerzlich wie
der erste, sodass ich ein oder zwei sekunden lang überlegte, ob ich ihm nicht das zeichen
geben sollte.

am ende dieser kurzen unschlüssigkeit, in deren verlauf ich mich dann doch entschied, durch-
zuhalten, vollführte ich eine mir selbst kaum bewusste, unwillkürliche bewegung, die durch
ein ruckartiges aufrichten des oberkörpers und ein leichtes heben des kopfes gekennzeichnet
war. in demselben augenblick hatte perdunat erneut zugeschlagen. er verfehlte mich jedoch
und erstarrte förmlich vor überraschung. er gab mir das zeichen, und wir reichten uns wie
verabredet die hände, somit symbolisierend, dass diese runde beendet war.

er stand noch immer vor mir, mich ungläubig anstarrend, wischte sich mit einem frotteeband
den schweiss von der stirn, der sich ganz plötzlich dort gebildet hatte und stammelte:
"ich wusste es. - ich wusste es. - sie sind ungeheuer schnell. - mit dieser schlagfolge habe
ich noch nie verloren. das ist das erste mal. aber ich habs geahnt. - ich wusste es!"

kopfschüttelnd stand er vor mir, mich unverwandt anblickend. - in mir waren ganz verschieden-
artige gefühle gleichzeitig vertreten. einerseits war ich froh, die erste runde überstanden zu
haben, ohne mir eine allzu offensichtliche blösse gegeben zu haben. froh, den ersten schmerz
vergessen zu können.

andererseits war ich zunächst ziemlich verdutzt, denn meine ausweichbewegung, die mich
vor dem dritten schlag bewahrt hatte, war ja keineswegs geplant gewesen sondern eher
zufallsbedingt. trotzdem machte sich ein kleines gefühl von stolz in mir breit, aber doch
auch wieder deutlich gedämpft durch die erkenntnis, dass es eigentlich nicht mein verdienst
war, was die erste runde beendet sondern eine nur unwillkürliche bewegung, die mich vor
weiteren schlägen bewahrt hatte.

perdunat hatte sich inzwischen von seiner überraschung erholt und fragte vorsichtig, ob wir
in die zweite runde gehen könnten. ich hatte nichts dagegen, zumal es nun an mir war, ihn
zu schlagen. wobei ich, wenn ich ehrlich bin, zugeben muss, dass ich eine gewisse vorfreude
empfand, ein stück genugtuung, eine herausforderung, zu zeigen, dass ich kapiert hatte,
worauf es ankam und nun auch mir selbst beweisen wollte, dass ich nicht nur unwillkürlich
reagieren sondern auch gesteuert agieren konnte.

wir wurden gestört durch ein paar jungen, die mit ihren fahrrädern an uns vorbeibrausten
und laut johlend den hall unter dem brückenbogen provozierten. deshalb tauschten wir
locker einige belanglose worte aus und gaben uns den anschein, als wären wir im gespräch
zufällig hier stehen geblieben. schliesslich, als die kinder ausser sicht waren, begannen wir
die zweite runde.

als perdunat eine leicht nach vorne gebeugte haltung einnahm, wurde ich aufmerksam. "aha",
dachte ich, "das ist also angeraten; offensichtlich, um mehr ausweichspielraum zu haben,
ohne das gleichgewicht zu gefährden." - was ich eben in der ersten runde instinktiv gemacht
hatte, erschien demnach durchaus empfehlenswert. - ich lockerte mich, wedelte leicht mit den
händen, hielt sie aber beide noch unten und kam dabei auf die idee, ihn zu täuschen.
blitzschnell erhob ich beide arme gleichzeitig und entschied mich im letzten augenblick, ihn
mit der rechten hand zu treffen, was mir auch gelang.

er zuckte zusammen und wirkte auf mich für einen kurzen augenblick wie ein geschlagenes
tier. die wucht des schlages hatte ihn etwas zur seite gedreht, und als er sich wieder auf-
richtete, um seine ausgangshaltung einzunehmen, traf ihn bereits mein zweiter schlag,
ebenfalls mit der rechten hand. seine wange rötete sich zusehends. ich räumte ihm eine
kurze chance ein, um eventuell das zeichen geben zu können, aber er machte keine ent-
sprechenden anstalten.

er schien jetzt doch sehr auf der hut zu sein. möglicherweise - so mein kalkül - ging er davon
aus, dass ich nur mit rechts schlagen würde, aber da sollte er sich täuschen. ich schoss
meine linke hand gegen sein gesicht und traf ihn heftig an der schläfe und meinen über-
raschungsvorteil nutzend, setzte ich gleich mit rechts nach, hatte mich aber in der hitze des
gefechts verrechnet.

der schlag ging so deutlich daneben, dass ich nun an der reihe war, verdutzt zu sein, während
perdunat ein gewisses, ich meinte sogar schadenfrohes lächeln nicht unterdrücken konnte.

etwas ratlos betrachtete ich meine schmerzhaften handflächen und finger und fragte mich
immer wieder, woran es gelegen haben mag, dass ich derart versagt hatte. verflogen war die
euphorie der ersten sekunden dieser zweiten runde. ärger stieg in mir auf, als ich mir noch
einmal in gedanken den hergang vergegenwärtigte. ich hatte an einem ganz bestimmten
punkt versagt. und das ende dieser runde war kein zufallsergebnis auf seiten perdunats -
so wie bei mir im ersten durchgang - sondern ganz klar und eindeutig bedingt durch einen
taktisch und handwerklich miserabel geführten schlag meinerseits und eine hervorragende
ausweichbewegung meines partners.

                                                                                    *

das sogenannte anfängerglück hatte mich bereits verlassen, als perdunat zum schlag
ausholte. ich spürte gleich, dass es ihm gelingen würde, mich erneut zu treffen, und zwar
so, dass es schmerzte. körperlich und seelisch. ich war innerlich noch nicht wieder bereit,
in die nächste runde zu gehen. mein gehirn war noch immer mit dem bisher geschehenen
beschäftigt.

ich war abgelenkt. meine aufmerksamkeit war geteilt. eigentlich war ich gar nicht gewillt, weiter
zu machen. erst hätte ich zeit gebraucht, um das erlebte zu verarbeiten. aber selbst darüber
konnte ich mir jetzt keine rechenschaft ablegen.

perdunat schlug zum zweiten mal zu. es brannte messerscharf. er zog kurz die augenbrauen
hoch und gab mir das zeichen.

"wir müssen aufhören," sagte er mit ruhiger stimme. und es klang sogar etwas wie besorgnis
hindurch, so dass ich mich auf einmal wieder beschützt und sicher fühlte. "es hat keinen
zweck. sie sind nicht bei der sache. es tut mir leid. ich hätte es eher merken sollen," ergänzte
er und bewegte leicht seinen kopf hin und her, als machte er sich selbstvorwürfe.

dann griff er mit der rechten hand in seine manteltasche und zog ein päckchen zellstofftupfer
heraus. er reichte es mir mit den worten: "hier, wischen sie sich das blut ab, bevor es auf den
kragen tropft."

er hatte mich am wangenknochen erwischt, und im gefolge meiner - eher unwilligen - abwehr-
bewegung hatte er mir ein stück weit die haut aufgerissen. aus der anderen tasche holte er
eine kleine dose mit heftpflastern hervor, zog eins ab und versorgte meine wunde recht
fachkundig und geschickt. die benutzten tupfer liess er sorgfältig in einem plastiktütchen
verschwinden, das er schliesslich mir in die hand drückte. spuren wollten wir hier nicht
hinterlassen.

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auf dem weg zurück in die innenstadt gingen wir zunächst schweigend nebeneinander her.
ab und zu warf perdunat einen kurzen blick von der seite auf mein gesicht, schien aber
zufrieden zu sein mit dem, was er sah.

in mir kämpfte es immerfort weiter. ganz widersprüchliche gefühle beherrschten mich,
ständig wechselnd. immer wieder ging mir diese begegnung durch den kopf. immer noch
einmal durchlebte ich die höhepunkte und die tiefen dieses ereignisses. völlig aufgewühlt
blieb ich schliesslich stehen und legte meine hand auf perdunats arm, einfach um inne zu
halten, um durchzuatmen, wie wenn ich eine verschnaufpause benötigt hätte.

er verhielt seinen schritt und blickte mich an, lächelnd, aber nicht mehr schadenfroh sondern
irgendwie freundlich, verständnisvoll, ganz ruhig und sicher. ich war glücklich, ihn an meiner
seite zu haben, physisch und offensichtlich auch gedanklich; und trotzdem nicht ohne eine
gewisse distanz, nicht ohne den eindruck zu vermitteln, ein wenig "drüberzustehen". er
wirkte so erfahren auf mich, so geduldig, offen und verhinderte durch seine gegenwart, dass
ich ins bodenlose fiel.

"ich kann noch nicht allein sein," stammelte ich, "aber andererseits..."

"lassen sie uns noch ein paar minuten zusammen laufen," sagte er sanft, und ich atmete
erleichtert auf, als er sich zum weitergehen anschickte.

ich brauchte das jetzt. nur nicht allein sein. aber bitte auch keine fragen, keine diskussionen,
keine erklärungen, entschuldigungen, vorwürfe, nichts, nur schweigen, aber an meiner seite,
mit mir, für mich. das wars, was mir gut tat. so gut.

als wir uns trennten und uns die hände gaben, brachte ich nach ein paar sekunden des zögerns
lediglich die worte "ich danke ihnen." über die lippen. er schaute mich kritisch an, nickte dann
nur ernst und überreichte mir schliesslich ein schmales weisses kärtchen, auf dem sein name
und eine telefonnummer - letztere handschriftlich - zu lesen waren. ich nahm beides unbewegt
zur kenntnis. -

er nickte mir zu, erhob noch kurz die rechte zum gruss und verschwand alsbald in der menge.
diese begegnung lag mir tagelang auf der seele. wieder und wieder durchlebte ich in gedanken
den ablauf des nachmittags, spürte immer aufs neue die erregung, die mich beim schlagen
gepackt hatte, genoss die hochgefühle von stolz und überheblichkeit beim ersten erfolg und
liess mich hineinziehen in die trübe aggressivität beim gedanken an mein klägliches versagen.
ich ärgerte mich über die unfähigkeit, meine gefühle kontrollieren zu können und verwünschte
von zeit zu zeit diese begegnung, war auch drauf und dran, die namenskarte einfach weg zu
werfen und alles wie einen alptraum zu vergessen.

jedoch nach etwa zehn tagen - die berufliche realität hatte mich eingeholt und mir immer weniger
zeit gelassen, das erlebte wieder und wieder nachzuempfinden - war ich endlich in der lage, relativ
nüchtern über alles nachzudenken und mich nicht mehr von meinen gefühlen hin- und herreissen
zu lassen. fast wie neugeboren empfand ich mich plötzlich, als ich feststellte, dass ich wieder frei
denken und handeln konnte. und so wurde es denn auch endlich möglich, zum telefon zu greifen
und perdunat anzurufen, ohne dass die hand zitterte vor aufregung, ohne dass die stimme anfing
zu beben.

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wir trafen uns in einer kneipe am dom. - er musterte mich kritisch, versuchte mich einzuschätzen
bezüglich meiner motive, ihn heute hier zu sehen, lag auf der lauer, um herauszukriegen, wie es
weitergehen sollte; wartete hingegen beharrlich bis ich anfing zu erzählen, wie es mir ergangen
war in all den tagen, was mich bewegt hatte, aufgestört, begeistert aber auch abgeschreckt und
verwüstet.

sehr einfühlsam war er mir entgegengekommen, behutsam hatte er sich meiner gefühle und
gedanken angenommen, und ich hatte wieder diesen warmen mantel von vertrauen und sicher-
heit in seiner nähe gespürt. - mehr hatte sich an diesem abend nicht ereignet. er war nicht in
mich gedrungen, ich fühlte mich nicht unter druck gesetzt sondern völlig frei in meinen
entscheidungen, wie und wann ich ihm begegnen sollte, und wir verabredeten ein nächstes
treffen wenige tage später, bei dem ich bereits imstande war, ihn nach seiner befindlichkeit zu
fragen und ihm ein stück wärme und mitfühlen zurück zu geben.

nach etlichen wochen mit wiederholten begegnungen, in denen wir uns schlugen und be-
sprachen, fühlte ich mich stark genug, den ersten schritt zu einem anderen partner zu wagen.
perdunat führte mich - erstaunlich sachlich - in die gruppe ein (damals waren es etwa zwei
dutzend männer) und gab mir somit die chance, mich aus seiner obhut zu lösen und auszu-
probieren, wieweit meine fähigkeiten, unabhängig agieren zu können, bereits entwickelt waren.

die ersten schritte gestalteten sich mühsamer als ich gedacht hatte. aber mit perdunats nach-
hilfe, die ich immer noch mal in anspruch nehmen konnte, gelang es mir in den letzten monaten,
erfolgreich und ohne grosse qualen jedem neuen treffen standzuhalten. meine reaktions-
schnelligkeit wuchs kontinuierlich (übung macht den meister), so dass ich mich in den
begegnungen inzwischen ganz auf den formalen ablauf des geschehens konzentrieren kann
ohne durch innere gefühlsbewegungen allzusehr abgelenkt zu werden.

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seitdem ist nun fast ein jahr vergangen. etwa einmal wöchentlich gehe ich zum schlagen.
es tut mir gut. ich bin ein freier mensch geworden. ich kann wieder erhobenen hauptes  durch
die strassen laufen, weil ich mich nicht mehr unablässig an berufliche oder sonstige dinge
gebunden fühle.

da ist so etwas wie stolz in mir entstanden. ich habe etwas, was nur wenige haben.

das macht mich glücklich, offen und souverän. - ich.
 
 

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© dpe
2000