ars-et-saliva


david p. eiser
 
zeitraffer


wanda – am ausgang der hölle


heute ist es genau sechs jahre her, dass sie wanda beerdigten.
seit tagen erscheint es mir, als sei es erst gestern geschehen; dann fällt der gedanke an die
beisetzung wie ein kalter nebelschauer auf mich herab, in mein gehirn hinein und macht sich
breit, nimmt mir den atem und lässt mich erstarren in hilfloser untätigkeit.

monatelang hatte ich nicht mehr daran gedacht. ich hatte gearbeitet, gegessen, geschlafen,
ohne mir darüber im klaren zu sein, dass dieses stück vergangenheit noch in mir steckt,
eigentlich noch lebendig ist, sehr nah an der oberfläche.

*       
es war ein ganz gewöhnlicher tag, so wie dieser, ohne jede besonderheit. der grauschwarze
novemberhimmel wechselte schnell seine wolkendecke. der wind trieb nasses laub und ver-
einzelte regentropfen vor sich her.

vermummt, unter schwarzen regenschirmen standen ein paar menschen auf den schmalen
wegen und auf den randsteinen zwischen den gräbern. von den bäumen tropfte das wasser,
und die wortfetzen des geistlichen verwischten im rauschen des windes. seine soutane
blähte sich bei jedem windstoss, und von zeit zu zeit drückte er sein barett in die stirne, als
befürchte er, es könne davonfliegen in die aufgeworfene sandige erde, in die schwarzen
pfützen auf dem weg und ihn barhäuptig zurücklassen vor der frisch ausgehobenen grube.

die paar frauen hatten sich dicht zusammengedrängt, als suchten sie schutz beieinander;
die hände mit den nassen, zerknüllten taschentüchern vor die sprachlosen münder gepresst,
die augen weit aufgerissen, starren blickes auf den pater schauend, so standen sie neben
dem offenen grab. drei männer, jeder für sich, verhielten in etwas grösserem abstand, die
hände in den manteltaschen vergraben.

ich kann mich an keines der worte erinnern, die der geistliche wohl sprach, ich sehe nur die
gestalten der trauernden vor mir, ihre unbeweglichkeit, bis der pater das kreuzzeichen schlug,
sich zur seite neigte und die schaufel ergriff, um ein paar brocken erde auf den sarg hinabzu-
werfen. -

langsam lösten sich die dunklen schemen aus ihrer erstarrung, traten an die stelle des geist-
lichen und vollzogen dasselbe ritual: schaufel in erde. erde auf sarg. - staub zu staub.

zögernd näherten sie sich mir, blickten kurz auf. einige murmelten worte, die ich nicht begriff,
drückten mir die hand und wandten sich zur seite. dann gingen sie den weg entlang, wo sie
langsam, die breiten pfützen meidend, im dunst des späten nachmittages verschwanden.

ich dankte dem pater, wortlos, schaute ihn nur an und reichte ihm die hand. er machte eine
geste mit den armen, als wollte er sagen: kommen sie auf ein wort noch mit rein, und deutete
zur kapelle hinüber. aber ich schüttelte den kopf, hatte mich schon abgewandt, war zwischen
den gräbern hindurchgehumpelt, den endlosen hauptweg entlang, war durch das mannshohe,
schmiedeeiserne tor getreten und stand nun auf dem schmutzigen gehsteig unter den blatt-
losen linden.

der bus verspätete sich; er war fast leer und fuhr stadteinwärts. ich blieb auf der hinteren
plattform stehen, liess mich durchschütteln und in den kurven gegen die haltestangen drücken,
den blick nach hinten gewandt. im dunklen rahmen der schmierigen kleinen heckscheibe ver-
schwanden die allee, die bäume des friedhofs und die kahle hecke entlang den steinernen
familiengrüften mit ihren hoch aufragenden kreuzen und türmchen.

an der flussbrücke stieg ich aus und starrte eine weile in das finstere, unruhige wasser. ein
paar strassenlaternen flammten auf und streuten kaltes zwielicht in die feuchte niederung
neben dem fahrdamm, flussaufwärts, wo das wasser laut und rücksichtslos über das wehr
tobte, endlos, ohne pause. - in mir war alles leer und kalt, wie versteinert hätte ich dort stehen
bleiben können, unendlich.

*
jetzt fällt es mir wieder ein: gestern ging es mir ähnlich wie an jenem abend. als ich auf dem
weg nach hause an der eisenbahnbrücke vorbeikam, war ich auch stehengeblieben, hatte mit
dem letzten rest des tageslichts in das schwarze hafenbecken hinabgeschaut, auf das ölschlie-
rige wasser, auf die rostigen wracks und das dümpelnde treibgut, das der wind in die ostecke
geschoben hatte, zusammen mit altem laub, mit schaum, papier und astwerk.
nur hinabgeschaut, regungslos. - würde sich jemand die mühe machen, dort aufzuräumen; und
wenn schon, wann denn? - in einem monat, in einem jahr? -

als sich die strassenbahn kreischend durch die grosse kurve quälte und die kurze steigung
bis zum bahnhof nahm, löste ich mich vom brückengeländer. da wollte ich nur noch nach
hause, ins warme, ans licht.

und heute abend habe ich mir den stuhl ans fenster gerückt, meinen angeschwollenen linken
fuss auf den hocker gelegt; ich habe das licht gelöscht und mich in eine decke gehüllt; denn
der wind zieht durch die breiten ritzen, und der regen rinnt die scheiben herab und lässt alles
verschwimmen auf der spärlich beleuchteten strasse. -

der weg zum bahnhof, durch die trümmerfelder, an den schwarzen ruinen vorbei, war mühsam.
einmal verlor ich die orientierung und fand mich plötzlich an der rückseite des doms wieder.
es war zu dunkel, um den platz überblicken zu können. nur aus ein paar fenstern der brauerei
fiel trübes, mattes licht herüber, reichte aber nicht aus, das zerstörte denkmal erkennen zu
lassen - oder die stelle anzuzeigen, wo der eingang zum erdbunker war.

irgendetwas hielt mich fest hier, liess mich meine schritte verhalten, in mich hineinhorchen
und hinüberstarren in die dunkelheit. - und da war es wieder, genau wie damals, so als wäre
nichts geschehen in den paar jahren. mein puls klopfte bis in den hals herauf spürbar. ich
roch wieder den staub zusammenstürzender mauern, atmete den beissenden qualm der
brände und versuchte, um mein leben zu rennen, humpelte durch das heulen der granaten,
über schutt und trümmer, nur dieses eine ziel vor den augen: überleben. zeit zum schreien
war nicht und nicht zeit zum beten; nur stammeln, nur stammeln. und dann eine graue uni-
formgestalt, winkend, rufend in den lärm der explosionen hinein, und zwei hände, die sich mir
entgegenstreckten und mich hinabzogen in diesen unterstand und mich weiterschoben, tief
in das dunkel, wo es warm war und nach schweiss roch und nach holz und nach staub...

*
in dem winzigen schaufenster des optikers gegenüber blinkte die kleine lampe, blinkte durch
ein brennglas auf einen spiegel, und dieser warf den schwachen schein nach draussen, durch
die regenböen, die die strasse entlangfegten. und manchmal wurde dieses licht unterbrochen,
wenn ein auto vorbeifuhr oder ein mensch an dem kleinen fenster vorbeihastete, dicht an der
hauswand entlang, als könnte sie ihn schützen vor der unbill des wetters. - 
drei sekunden licht. drei sekunden dunkelheit. drei sekunden licht. drei sekunden dunkelheit.

ich hatte mich daran gewöhnt, nur in den drei sekunden dunkelheit an meiner zigarette zu
ziehen. dann leuchtete die glut rot auf und warf einen kurzen widerschein auf meine fenster-
scheibe, und wenn er verschwand, leuchtete im schaufenster die lampe wieder auf, wie ein
signal: verstanden, alles klar. -

*
lang ausgestreckt lag ich in der hitze und in der finsternis. um mich herum unterdrücktes
schreien und schluchzen. nach jeder explosion zitterte der boden unter mir, und jedes mal
ging ein schmerzliches zucken durch meinen körper. ich konnte nichts mehr denken, nur noch
fühlen, empfinden, teil sein, ein stück in diesem erdloch, ein brocken von dieser erde.
mein kaputter fuss schmerzte wild von der hetzjagd unter dem beschuss. -

irgendwann spürte ich etwas weiches und gleichzeitig schweres an mir, als das zittern um
mich herum gar nicht nachlassen wollte, die einschläge unaufhörlich prasselten, das getöse
immer lauter wurde und alles unter sich zu begraben schien. wie eine ungeheure lawine rollte
es über uns eingeschlossene, unbewegliche, stille beobachter hinweg und verschwand nach
ungezählten stunden in die nacht hinein.

ich lag und starrte in das dunkel über mir, lauschte ohne zu hören, bereit, sofort wieder in die
angst zurückzusinken. das atmen fiel mir schwer, augen, nase und rachen brannten und juck-
ten. mein linker arm schien eingeschlafen. als ich ihn bewegen wollte, spürte ich den wider-
stand an meiner seite, und dann fühlte ich auch, wie etwas warmes und nasses an meiner
linken halsseite herablief. mit der rechten hand tastete ich vorsichtig und griff dabei in stoff
und haare und endlich in ein heisses gesicht, aus dem die tränen rannen, und ein stosswei-
ses zucken ging durch diesen körper, und dann spürte ich die umklammerung, aus der ich
glaubte, mich nie wieder befreien zu können. sie machte mich wehrlos und passiv, sie über-
wältigte mich und liess mich hilflos abwarten, was wohl geschehen möge.

"sie sind durch!" rief jemand; es klang halb erstickt, es erreichte mich kaum, aber die bewe-
gung um mich herum machte mich wach, und nach einer weile, als es wieder ganz still gewor-
den war, kroch ich auf allen vieren in die richtung, in die hinein der lärm verschwunden war,
und dann sah ich etwas helles vor mir. etwas waberte und wogte unruhig vor meinen augen,
staub und qualm machten mich husten, und dann war ich draussen, richtete mich ein wenig
auf, ängstlich noch, witternd wie ein tier, das seinen bau verlässt, voller misstrauen, angst,
und bereit, sofort mich zu ducken, um wieder im schützenden dunkel zu verschwinden.

durch den qualm hindurch sah ich die umrisse der ruinen, von aufflackernden bränden teils
grell, teils matt gegen den dunklen himmel im osten gezeichnet. aus der ferne drangen noch
grollen und dröhnen zu mir, windstösse wirbelten staub herüber, trugen das prasseln der flam-
men an meine ohren und liessen mich blinzeln in dem beissenden qualm, und ein würgegefühl
bemächtigte sich meiner in dem gestank der brände.

als ich mich vollends aufgerichtet hatte und mich langsam umdrehte, sah ich wanda neben
mir stehen, steif wie eine statue, beide fäuste vor den mund gepresst, blickte sie starr gerade-
aus. manchmal verschwand ihre gestalt in der dunkelheit, dann wieder liessen die qualmwol-
ken einen hellen, rötlichen schein auf ihr bleiches gesicht fallen und machten, als stünde es
selbst in flammen, als verbrenne es unruhig glühend.

und so standen wir, reglos, vor dem erdbunker, wie gebannt nach westen schauend, wo der
himmel heller und heller wurde. es war das rote leuchten des feuersturmes, reflektiert von
den wolken, gebrochen in den ungeheuren rauchschwaden, flackernd, wogend, dumpf und
schrecklich, das den wüsten himmel über uns noch bedrohlicher machte.

wanda war an mir herabgeglitten; ich hatte es nicht bemerkt. sie hockte auf knieen vor mir,
hielt meine beine umklammert, zitterte und schluchzte laut. ich wagte nicht, mich zu rühren.
ich wusste nicht, wohin. es war so etwas wie betäubung in mir, ein gefühl von unsicherheit,
wie zwischen wachen und träumen. ich wartete auf eine klärung, wartete auf etwas von aus-
sen kommendes, stand da ganz passiv, wie gelähmt, stand nur und schaute in das brennende
inferno und wartete. stand und wartete.

*
vorgestern hatte ich mir von rudi vier briketts geliehen. den ganzen nachmittag war ich im
regen herumgelaufen, auf der suche nach brennmaterial. mittags beim roten kreuz war es
wenigstens warm gewesen, und satt war ich auch geworden. aber die nässe war allgegen-
wärtig, drang durch schuhe und strümpfe, kroch die waden hoch, die nassen hosen klebten
an den beinen, der mantel hing feucht und kalt auf den schultern. ein dunkler tag, eng und
erfolglos.

und am abend glaubte ich, nur noch in der wärme überleben zu können, aber rudi, der immer
etwas zu heizen hatte, wollte gerade sein zimmer verlassen, als ich bei ihm klingelte. er musste
für einen kollegen zum spätdienst einspringen, und da wars nun nichts mehr mit aufwärmen
und einem gespräch in der nacht, mit nicht-allein-sein und trost aus gemeinsamen erinnerun-
gen und träumen.

zu hause opferte ich zwei briketts, hockte mich vor den ofen und wartete auf ein wunder.
papier, holz und kohle waren feucht, es glimmte und qualmte, und es wollte und wollte nicht
warm werden, und irgendwann gab ich es auf, das stochern und pusten, rollte mich in die
decke und schlief im sessel ein.

zwei briketts habe ich noch. heute war ich vergeblich beim kohlenhändler. alles ausverkauft.
vielleicht ende der woche wieder. im moment lieferschwierigkeiten. aber es könnte auch länger
dauern. eierkohlen überhaupt nicht. was ich mir wohl dächte. - auf dem nachhauseweg habe
ich mich gefragt, ob ich überhaupt existiere. es gibt zeiten, da habe ich das gefühl, als ob mich
niemand mehr wahrnimmt.

*
wenn ich die augen schliesse, schreit es in mir, obwohl ich genau weiss, dass damals stille
herrschte in meinem inneren, und nur wanda durchbrach mit ihrem schluchzen die unsägliche
sprachlosigkeit jener stunden. -

ich hatte sie hochgezogen. sie lehnte an mir. sie hatte nicht die kraft, mich zu umarmen, ge-
schweige denn sich an mir festzuhalten. zwei hilfsbedürftige stützten sich am ende aller tage.
das war die wahre stunde null, die wiedergeburt im bewusstsein, und dieses mal mit der ganzen
last des bisherigen lebens. wie eisenkugeln an beiden füssen, bleikrawatte um den hals, joch
auf den schultern und arme und hände gelähmt. dazu stumm, zitternd, rechtlos und verzagt.

und das schlimmste: ohne jegliche hoffnung, getrieben nur von einem unsichtbaren, unfühlba-
ren automaten, der einen die nächsten schritte tun hiess und es fertigbrachte, dass ich jetzt
hier sitze und diese erinnerungen in mir zulasse. wenn ich die augen geschlossen halte, tobt
das inferno in mir weiter. wenn ich sie öffne, sehe ich den regen an den scheiben herabrinnen,
spüre ich meine klammen finger, meine kalten füsse. dann fühle ich das schaudern in mir, aber
auch das pochen meines herzens, das da stur und unbeirrbar hämmert: solange ich schlage,
sorge gefälligst für mich. sieh zu, dass du was zu essen und zu trinken kriegst, und lass es
endlich wärmer werden.

*
ich weiss nicht, was uns aufhielt an diesem ort. es hatte etwas mit unvermögen zu tun, mit
gebanntsein, mit apathie. irgendwann jedoch war es vorbei, und wir gingen zusammen in
richtung bahnhof.
von zeit zu zeit verhielt wanda ihren schritt, zog an meinem ärmel, blickte zu mir auf, furchtsam,
voller trauer, ohne ein wort zu sagen; sprach wortlos zu mir mit der angst aus ihren augen, aus
der erstarrung ihres gesichtes heraus, verzweifelt und tränenlos.

der bahnhof: das war wie ein magnet. bahnhof, das bedeutete: weg von hier. oder auch das
nicht einmal mehr? verbogene schienen etwa, zerschossene waggons, ausgebrannte lokomo-
tiven? statt bahnhofsgebäude schwarze ruinen? - wie gut, dass wir nicht wussten, was vor uns
lag. wir hätten uns um keinen millimeter bewegt. wir wären erstarrt und bewegungsunfähig zu-
rückgeblieben. –
wenn ich nachts wach wurde, dann lag wanda auf mir, umklammerte mich, weinte. anfangs
geriet ich jedes mal in panik. ich hatte das gefühl, zu ersticken, so erdrückend empfand ich sie,
beklemmend in ihrem bedürfnis nach schutz und geborgenheit, eigentlich unersättlich, wie ein
säugling, der ständig genährt und gestillt werden wollte.
sie liess mich nicht mehr los. wenn ich versuchte, mich ein paar schritte von ihr zu entfernen,
sank sie lautlos in sich zusammen, schaute mich an, flackernd wie eine kerze kurz vor dem
verlöschen. kam ich zurück zu ihr, umfing sie mich, nicht wie eine mutter, schützend und beru-
higend sondern hungrig heischend, grenzenlos.

*
im anfang gaben uns die soldaten zu essen. wenn die sonne schien, war es wunderbar warm.
dann setzten wir uns auf die umgestürzten steine im stadtpark, dort, wo der tanzpalast gestan-
den hatte; die allee mit den zerfetzten, zu tode verwundeten bäumen vor uns, mit den bomben-
trichtern, den ausgebrannten fahrzeugen, und dazwischen den menschen, die ungeordnet,
scheinbar ziellos hin und her liefen, lautlos und geduckt.
              
irgendwann im herbst - wir haben weder die tage gezählt noch die stunden, wir haben vor uns
hingelebt, ohne nach vorne zu schauen oder nach dem gestern zu fragen - hatte wanda sich
verändert. wir hatten unterschlupf gefunden in einer zerschossenen gartenlaube, deren dach
uns vor dem regen schutz gewährte. die zerstörten wände waren so gegeneinander gefallen,
dass wir nur kriechend daruntergelangten. aber ich war stolz, etwas für uns allein zu haben,
was wir nicht mit fremden teilen mussten.

wandas augen, die sonst wach und suchend mich anblickten, waren matt geworden. ihr blick,
der zu anfang noch forschend und verlangend auf mir geruht hatte, wann immer ich ihr gegen-
übertrat, hatte seinen glanz verloren, das herausfordernde und nimmersatte. sie erschien mir
auf einmal nur noch müde. ohne unterlass brach das erschrecken aus ihren dunkel geränder-
ten augen.

all die wochen und monate hatte sie nie auch nur ein einziges wort gesprochen bis zu jenem
morgen im november, als ich mich wie üblich davonmachen wollte, um etwas essbares für den
tag zu organisieren. sie lag in der enge der zusammengestürzten hütte, im halbdunkel auf den
beiden matratzenteilen, eingehüllt in ihren zerschlissenen mantel und streckte die arme nach
mir aus, als ich mich noch einmal umwandte, und dann öffnete sie plötzlich den mund, als
wollte sie etwas sagen oder schreien vielleicht, aber es kam kein laut über ihre lippen. ihre
bewegungen hörten einfach auf, verliefen sich ins nichts, so als hätte sie die dazu notwendige
kraft einfach wieder zurückgezogen, und so verharrte sie die ganze zeit, bis ich sie verliess.

ich hatte das gefühl, dass meine worte und meine gesten sie nicht mehr erreichten. stumm
blickte sie an mir vorbei in den kleinen, hellen ausschnitt hinein, durch den das graue tages-
licht zwischen den brettern hereinfiel.

die suche nach lebensmitteln - eigentlich war es nur essbares - war tägliche routine geworden:
eine endlose lauf- und bettelrunde nach der anderen, ständig gekennzeichnet von der angst,
zu spät zu kommen, einer der letzten zu sein, die wieder pech gehabt haben... und immer
wieder drängte sich wandas bild in meine gedanken, liess mich stehenbleiben und unsicher
ausschau halten nach etwas, was ich in diesen stunden noch nicht begreifen konnte. es war
nur unruhe in mir, ich selbst war verändert, aber ich war nicht imstande, darauf zu reagieren.

*

wenn ich heute jenen tag in gedanken ablaufen lasse, wird mir klar, dass ich damals zu nichts
anderem fähig sein konnte als zu dieser dumpfen vorahnung. wir hatten ausschliesslich in der
gegenwart gelebt. das wort zukunft gab es nicht mehr in meinem (unserem?) auf das allernot-
wendigste reduzierten sprachschatz. die vergangenheit hing wie ein zentnergewicht in unseren
körpern, und unsere köpfe waren schwer wie ausgegossen mit blei. die wortlosigkeit unserer
beziehung war lediglich ein symbol für das bedürfnis, energie zu sparen und sich auf das we-
sentliche zu konzentrieren: nahrung zu finden, um weiterzuleben. das bedürfnis, nahe beiein-
ander zu sein; dem anderen sicherheit und geborgenheit abzuverlangen, liess sich wortlos
stillen. händchenhalten war unser täglich brot; dazu bedurfte es keiner sprache und keiner ab-
sprache. instinktiv und ohne uns oder jemand anderem darüber rechenschaft abzulegen, taten
wir das, was wir beide für uns brauchten.

heute bin ich wieder in der lage, über etwas nachzudenken, in mich hineinzuhorchen und mich
abzufragen, was ich fühle oder will. heute kann ich aufgaben definieren und mich zwingen, zu
entscheidungen zu kommen. aber damals war nur nacktes leben angesagt und nichts sonst,
und darum war es eigentlich ein tag wie alle anderen auch.
           
*

als ich am nachmittag mit spärlicher ausbeute in die laube zurückkehrte, sass wanda auf ihrer
matratze so als hätte sie sich seit stunden nicht gerührt. sie sah zu mir herüber, aber gleich-
zeitig auch durch mich hindurch. ihre augen folgten meinen bewegungen, aber sie wirkte teil-
nahmslos, entrückt. als ich mich neben sie setzte und meinen brotbeutel zwischen uns vor
der matratze ausbreitete, wandte sie sich mir zu, legte den rechten arm um mich und liess
ihren kopf langsam gegen meine schulter sinken. ihre umarmung hatte etwas kraftloses, sie
war ganz ungewohnt, ganz unbekannt, neu und erschreckend für mich.

am nächsten morgen war sie tot. ihre starre griff plötzlich auf mich über. wie gebannt verharrte
ich halb aufgerichtet, geduckt unter dem niedrigen dach der hütte, sah sie an, durch sie hin-
durch, starrte in die düsternis dieses kalten novembertages, der nur grauschwarz zu sein
schien, nichts lebendiges mehr aufwies als nur meinen atem. reglos blieb ich liegen, stunden-
lang, den kopf aufgestützt betrachtete ich dieses in dunklen stoff gehüllte bündel, das, was
ein mensch war, mit dem ich monate eins gewesen war, und erst nach stunden der lähmung
spürte ich, wie sich allmählich ein stück von mir ablöste, wie sich die unendliche schwere
davonmachte, und mit dem hunger kam auch der wille zurück, nicht klein beizugeben, sich
aufzuraffen und auf nahrungssuche zu gehen und den tod erstmal tod sein zu lassen. wen
würde es schon interessieren, dass eine hungernde bettlerin nicht mehr existierte, eine von
hunderten, von tausenden...
 

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1990